Kleines Land - Großes Vorbild

Die Niederländer sind uns beim Radeln einen großen Schritt voraus. Berücksichtigt man jede Altersstufe, von U10 bis Ü90, gibt es in Holland 1,3 Fahrräder pro Einwohner, also deutlich mehr Räder als Köpfe. Und diese rund 17 Millionen Einwohner radeln mit ihren insgesamt 23 Millionen Fahrrädern ca. 15 Milliarden Kilometer jährlich. 

Jetzt sagen wir: "Klar, keine Kunst im Land ohne Berge."

Aber im Ernst, auch wenn Fahrräder zu den Niederlanden gehören wie Wohnwägen, wollen wir Deutschen nicht auch ein bißchen mehr "Fietser" sein? Denn "Fiets" heißt Fahrrad und darauf ist in Holland (fast) alles eingestellt.

Die Infrastruktur fürs Radfahren ist in den Niederlanden schon heute sehr gut und sie wird immer weiter ausgebaut. Hier lässt man sich vom Klimawandel nicht beeindrucken und Regierung und Kommunen setzen voll aufs Rad. Erst kürzlich gab die Regierung die Zusage für 100 Millionen Euro für Radwege und Stellplätze. Investiert wird unter anderem in die folgenden Bereiche:

> Fahrradwege: Rund 37.000 Kilometer Radwege gibt es im Land. Und das sind nicht etwa mickrige schmale Seitenstreifen direkt neben den rasenden Autos (wovon es zusätzlich rund 4700 Kilometer gibt). Der Trend in Großstädten und Wohnvierteln sind breite "Fiets-Straaten". Straßen werden rigoros zu Fahrradwegen erklärt und als solche meist mit knallroter Farbe ausgewiesen. Dort sind Autos nur noch Gast. Entsprechend haben sich Autofahrer zu benehmen: Für sie gilt höchstens Tempo 30, und sie dürfen nur sehr vorsichtig überholen.

> Schnellstraßen: In den Ballungsgebieten gibt es Schnellstraßen, also eine Art Autobahn, aber dann für Fahrräder. Ohne lästige Ampeln und Kreuzungen. Autos und Motorräder sind nicht zugelassen. Die Schnellwege sind perfekt geeignet für Pendler. Das Wegenetz wird bis 2030 erheblich erweitert. Durch das rasante Aufkommen von E-Bikes und Pedelecs wird das Rad zunehmend die Alternative fürs Auto, auch bei größeren Entfernungen zum Arbeitsplatz.

> Stellplätze: Überall in den Innenstädten, an Unis und Bahnhöfen gibt es große Parkhäuser oder Keller für Räder. In Amsterdam etwa wurden ausrangierte Fähren auf dem Wasser zu Garagen umgebaut. In Utrecht bietet ein funkelnagelneues Rad-Parkhaus am Hauptbahnhof Platz für 12.500 "Fietsen" auf drei Etagen. Es ist die größte Fahrradgarage der Welt. Radfahrer (Fietser) werden mit einem hypermodernen elektronischen Parkleitsystem zu freien Plätzen geführt. "Fiets-Garagen" an Bahnhöfen sind oft bewacht, rund um die Uhr geöffnet und das Allertollste: Die ersten 24 Stunden sind gratis.

> Leihrad: In den Niederlanden gibt es eine fast lückenlose Anbindung von Zugverkehr und Fahrrad. Für all diejenigen, die nach einer Bahnfahrt nicht auf einen Bus warten oder gar laufen wollen, gibt es die wunderbare Erfindung des "OV-Fiets" (OV steht für "openbaar vervoer" - öffentlicher Nahverkehr). An jedem Bahnhof, bei großen Bus- und Metrostationen sowie auch Park-and-Ride-Plätzen sind diese Räder zu mieten - und das immer aufgepumpt und für 3,85 Euro pro Tag.

> Grüne Welle: Um lange Staus an den Ampeln zu verhindern, schalten manche Ampeln in den Großstädten zu den Hauptverkehrszeiten konsequent auf Grün für Radler. Das gilt vor allem für die großen Straßen. Es gibt Ampeln, die bei einem drohenden Fahrrad-Stau ein Signal bekommen und schneller auf Grün springen. Viele Rad-Ampeln zeigen auch noch die Wartezeit bis zum Umspringen an, damit Ungeduldige nicht über Rot rasen.

In Sachen Radinfrastruktur ist Deutschland Entwicklungsland und kann vom Fahrradparadies Niederlande noch allerhand lernen.


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